Der globale Klima-Infarkt rückt in Riesenschritten näher. Bis 2030 muss die Welt ihren CO2-Ausstoß drastisch senken, warnen führende Wissenschaftler. Andernfalls steigt der Meeresspiegel und tausende Arten sterben aus, mit verheerenden Folgen für das Ökosystem. Die Erwärmung bedroht den Fortbestand der Menschheit. Wie kriegen wir das in den Griff?
Ein Kernproblem im Kampf gegen den Klimawandel ist der Verkehr. Selbst Industrieländer wie Deutschland sind abhängig von schmutzigen Technologien, daran erinnert uns der Dieselskandal. In höchsten Regierungskreisen rauchen die Köpfe, etwa diese Woche beim UN-Klimagipfel in Katowice. Geht es nach der Wirtschaft, gibt es allerdings bereits eine Lösung: Innovation.
Die Verheißung einer Revolution
Selbstfahrende Autos versprechen nicht weniger als eine Revolution. Die EU-Kommission spricht in einem Bericht vom Ende aller Staus und Verkehrsunfälle, von einfacher Mobilität für alle. Eine effiziente Flotte autonomer und elektrischer Autos ersetzt die Blechlawine, die heute durch die Städte rollt, so die Vorstellung. In ihrer neuen Klimastrategie bis 2050 schreibt die Kommission, E‑Autos und autonomes Fahren böten die Perspektive eines komplett klimaneutralen Verkehrs. Doch die Sache hat einen Haken.
Damit autonomes Fahren nachhaltig ist, müssten die Fahrzeuge bei fast allen Fahrten geteilt werden. Die Konsequenzen wären drastisch: Es gibt dann wohl nur ein Zehntel so viel Fahrzeuge wie jetzt. Individualbesitz von Autos verschwindet, menschliches Fahren wird abgeschafft. Dass diese Zukunft plausibel ist, macht ein Satz von Kanzlerin Angela Merkel im Vorjahr deutlich: „Wir werden in 20 Jahren nur noch mit Sondererlaubnis selbstständig Auto fahren dürfen.“
Himmel-Hölle-Szenarien
Umweltschützer halten autonome und komplett geteilte Mobilität aber nicht für die einzig denkbare Variante im Siegeszug autonomer Autos. Neben der Hoffnung auf den Klima-Himmel gibt es auch Warnungen vor dem Abgrund.
„Das Höllen-Szenario ist: Selbstfahrende Autos bleiben privat betrieben und laufen mit Verbrennungsmotoren“, sagt Verkehrsexperte Yoann Le Petit von der Umwelt-NGO Transport & Environment in Brüssel. „Weil autonome Autos so bequem sind – du musst keinen Parkplatz suchen und das Fahrzeug ist immer verfügbar – erhöht sich die Zahl der gefahrenen Kilometer. Das gilt für Staus, Lärm und Emissionen.“

Tech-Firmen und die Autoindustrie lobbyieren seit Jahren für autonomes Fahren. Dabei geht es um große Umwelt-Versprechen, aber auch um viel Geld. Durch selbstfahrenden Taxis würden künftig mehr Menschen weniger Autos teilen, schrieb etwa der Fahrdienst Uber im Vorjahr an die EU-Kommission. Durch mitgeschickte Fachartikel wollte Uber belegen, dass autonome Autos zu geringeren Emissionen führen könnten.
Die EU-Kommission greift solche Argumente der Industrie willig auf, das zeigen nun offengelegte Dokumente. Einschätzungen der Boston Consulting Group fänden sich etwa prominent in EU-Berichten wieder, berichtet der Journalist Peter Teffer. Beamte in Brüssel besprachen das Thema in vergangenen Monaten mit Uber und Google, aber auch mit VW, Scania und Lobbyisten weiterer Firmen.
Fahrdienste: Der Markt der Zukunft
Das Interesse an selbstfahrenden Autos ist immens. Schon 2021 wollen erste Hersteller autonome Fahrtechnik auf die Straße bringen. Die Google-Tochter Waymo startet dieser Tage in einer US-Stadt den ersten kommerziellen Robo-Taxidienst. Uber testet bereits seit 2016 autonome Taxen in Kalifornien, Arizona und Pennsylvania. Auch deutsche Firmen wie BMW verfolgen ambitionierte Ziele von selbstfahrenden E‑Autos.
Die Firmen wittern das Geschäft des Jahrhunderts. Autonome Fahrdienste sollen bis 2050 einen Umsatz von sieben Billionen Dollar erreicht haben, also 7.000 Milliarden, orakelt die Consultingfirma Strategy Analytics. Kaum eine andere Innovation verspricht so viel Profit. Doch das Riesengeschäft könnte verheerende Konsequenzen für die Umwelt haben.
Rechnung mit vielen Unbekannten
Die Firmen wischen ökologische Bedenken beiseite: Autonomes Fahren sei sicher, sauber und günstig für den Konsumenten. Aber stimmt diese Rechnung? Vertreter von Uber berufen sich auf ein theoretisches Modell von US-Forschern. Deren Studie geht von geteilter und äußerst effizienter Nutzung der Fahrzeuge aus. Das könne, gemeinsam mit anderen positiven Effekten autonomer Autos, etwa einer einprogrammiert energieschonenden Fahrweise, den Verbrauch senken.
In der Rechnung gibt es jedoch viele Unbekannte. Noch ist unklar, wie schnell sich Elektromotoren durchsetzen und wie sauber sie wirklich sind. E‑Autos sind nämlich nicht klimaneutral, wenn man die Herstellung und Stromerzeugung einbezieht. Ein Luxusfahrzeug vom Typ eines Tesla Model S mit einer 100-kWh-Batterie ist in seiner CO2-Bilanz mit einem kleinen Benziner vergleichbar, sagt Verkehrsexperte Le Petit in Brüssel.
Autokonzerne schalten auf stur
Noch ist zudem ungewiss, wessen Vision vom autonomen Fahren sich durchsetzt. Unter den Möchtegern-Marktführern gibt es zwei völlig unterschiedliche Konzepte. Fahrdienste wie Uber und Googles Waymo setzen auf vollautonome Taxis und geteilter Mobilität.

Traditionelle Autokonzerne halten davon wenig. „Ford plant keine Zukunft, in der wir nicht mehr Autos verkaufen,“ sagt Firmenchef Jim Hackett. Ford werde zwar in Zukunft in Ballungszentren Fahrdienste anbieten, aber trotzdem weiter Autos zur persönlichen Nutzung verkaufen. Im großen Stil, versteht sich.
Nachhaltig ist nur die erste Option. Langfristig senken autonome Taxidienste die Nachfrage nach Autos, glauben Mobilitätsforscher. Aber wie lange darf die Übergangsfrist sein? Für wirksame Maßnahmen gegen katastrophale Erderwärmung bleiben uns nach allen Prognosen bestenfalls ein, zwei Jahrzehnte. Die NGO Transport & Environment schätzt in einem Bericht, dass Emissionen aus dem Verkehr in Europa bis 2030 um zumindest 60 Prozent sinken müssen, um die Pariser Klimaziele einhalten zu können.
Die Zeit drängt also. Die Industrie verkauft inzwischen munter weiter Autos.
Kreiselfahrten ums Gebäude
Aktuelle Forschung lässt befürchten, dass selbstfahrende Autos die Zahl der Verkehrsteilnehmer noch erhöhen wird. Eine Studie aus Boston kam zum Schluss, dass autonomes Fahren in Städten zu mehr Taxi-Fahrten führen könnte und dem öffentlichen Verkehr das Wasser abgräbt. Am Ende bedeute das auf absehbare Zeit wohl mehr Autos auf der Straße statt weniger, sagte ein Co-Autor der Studie. Damit autonomes Fahren nachhaltig wirke, müssten die Fahrzeuge bei fast allen Fahrten geteilt werden.
Ein deutscher Verkehrsforscher äußert ähnliche Befürchtungen. „Alte Leute beispielsweise werden sich auch wieder trauen, weite Strecken im Auto zurückzulegen“, sagt Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik. Denn künftig müsse der Fahrzeuglenker nicht mehr fahrtüchtig sein, während heute mindestens ein Drittel der Bevölkerung zu jung zum Fahren sei oder keine Fahrerlaubnis besitze.
Das könnte der Verkehrsinfrastruktur schaden. „Wenn autonome Autos unkontingentiert fahren dürfen, wird der öffentliche Verkehr mit Sicherheit kannibalisiert“, sagt Bracher. Die Zahl der individuellen Fahrten müsse daher durch Maut und andere Mittel beschränkt werden.
Autonome Autos setzen zudem städtebauliche Fragezeichen. Die Technologie funktioniert in bisher getesteten Varianten dort gut, wo Autos vom restlichen Verkehr streng getrennt sind. Das mag in US-Vororten einfach sein, doch wie klappt das im Gassengewirr europäischer Innenstädte? Gut möglich, dass autonome Autos einen Umbau unserer Städte nach amerikanischem Vorbild – für Autos gemachte Städte – nötig machen.
Der Kampf um die Regulierung
Die politische Debatte über autonomes Fahren hat bereits begonnen. In Brüssel steht das Thema offiziell seit 2015 auf der politischen Agenda. Die Kommission fördert die Erforschung des autonomen Fahrens und die Digitalisierung des Verkehrs inzwischen mit hohen Millionenbeträgen. Viele Fragen sind noch offen, doch die EU-Kommission will bis Sommer 2019 erste technische Standards für autonomes Fahren setzen.
Nächste Schritte sind in Vorbereitung. Das EU-Parlament plant im Januar die Verabschiedung eines Berichts zu autonomem Fahren. Das Papier ist eine bloße Willenserklärung ohne rechtliche Wirkung, zeichnet aber die Richtung für die nächsten Jahre vor. Die Europäische Union müsse autonome Mobilität „ermutigen und weiterentwickeln“, heißt es in dem Bericht. Heikle Fragen bleiben ungeklärt. Die Umwelt erwähnt der Bericht am Rande, das Wort Klima kommt nicht vor.
Andere große Fragen umreißt das Papier bloß: die Verkehrssicherheit der Autos, der Datenschutz und die IT-Sicherheit, sowie soziale Auswirkungen. Immerhin könnten autonome Autos hunderttausende Taxilenker und Berufsfahrer in Europa arbeitslos machen.
Lobbying statt echtem Wissen

Bisher fehle es bei allen Aspekten an Untersuchungen über die Auswirkung autonomen Fahrens, sagte die finnische EU-Abgeordnete Merja Kyllönen. „Die Menschen müssen darüber aufgeklärt werden, und wir Entscheidungsträger müssen in der Lage sein, auf Basis von echtem Wissen das Richtige zu tun.“
Die Debatten sind der Auftakt für echte Regulierung. Die Industrie fordert seit Längerem EU-weite Gesetze. „Die EU spielt eine wichtige Rolle dabei, Länder daran zu hindern, ein Patchwork an Regeln und Vorschriften zu schaffen, das Investitionen verhindert“, sagte Erik Jonnaert vom Europäischen Verband der Automobilhersteller bereits 2016.
Das große Lobby-Spiel läuft jedenfalls bereits. Der Einsatz der Industrie könnte selbst den Kampf der Industrie gegen höhere CO2-Grenzwerte für Neuwagen in den Schatten stellen. Setzen Firmenvertreter ihre Vision autonomen Fahrens durch, hat das womöglich verheerende Auswirkungen auf Städtebau, Umwelt und öffentliche Verkehrsmittel.
Lösungen gibt es schon
Auch wenn selbstfahrende Autos verheißungsvoll sind: Die alleinige Antwort auf die ökologische Schicksalsfrage der nächsten Jahrzehnte sind sie nicht. Der Klimawandel wird uns zwingen, weitaus sparsamer mit Ressourcen umzugehen als bisher. Das bedeutet in der Tendenz, unsere Lebensräume in Städte und Ballungszentren immer weiter zu verdichten und dort auf die Verwendung von Autos fast völlig zu verzichten.
Innovation kann Teil der Lösung sein, ist aber nicht zwingend nötig. Die nachhaltigen Verkehrstechnologien der Zukunft gibt es längst. Sie heißen Fahrrad und Straßenbahn.
